Einen Leben auf der anderen Seite der Welt kann einen förmlich umstülpen. Innerlich und äußerlich. Ging auch unserem Südostasienkorrespondenten so.
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enn man die Schule hinter sich hat, dann sind die Probleme noch lange nicht zu Ende - dann fangen sie erst mal so richtig an. Da sind zuerst die Fragen, bei deren Beantwortung mir keiner helfen konnte, denn sie gingen allein mich selbst an. Und das begann mit: Was studieren? Überhaupt jetzt schon studieren? Oder besser ein Jahr aussetzen, mal nichts lernen? Mal frei sein? Mal die Welt sehen? Die Antwort fand ich vor genau einem Jahr verbunden mit der Frage: "Hey du, hättest du Lust, in Thailand zu unterrichten?"
Lässt sich in Deutschland noch jemand gerne fotografieren?
Nun ja, mittlerweile bin ich schon seit sieben Monaten in Südostasien. Und es ist schon mein zweites Zuhause geworden. Aber ich sollte besser erst mal erzählen, ob mir meine Thailand-Arbeit neben meinem Job für WOOLING.NET etwas mehr gebracht hat als nur Mückenstiche, Tropenkrankheiten und Sonnenbrand. Ehrlich geschrieben - ich hatte zunächst Bedenken wegen meines etwas exotischen Englischs. Und hier sollte ich es sogar unterrichten. Mein exotisches Englisch - hier sollte ich es unterrichtenDas war so ziemlich der einzige Punkt, der mich davon abgehalten hat, sofort ein "Ja, ich will das machen!" zu brüllen. Dass es gar nicht so schlecht war, wie befürchtet, habe ich schon nach den ersten Gesprächen mit den amerikanischen Voluntären festgestellt. Daraus habe ich nebenbei gelernt, dass es Quatsch ist, sich schlechter einzuschätzen, als man ist, nur weil man ja nicht arrogant wirken will. Egal, ob vor anderen oder vor sich selbst. Um ein Haar hätte ich deswegen nämlich das alles niemals erlebt. Ich glaube, wir Deutschen, und nicht nur wir, wir machen uns viel zu viel selbst vor. Klingt so, als wären wir alle bisschen scheinheilig-schizophren.
Selbstfindung - heute ein regelrechtes Modewort - das wäre ein schönes Ziel für uns, aber das ist in der Alltagshektik überhaupt nicht möglich. In Südostasien ist es umgekehrt: Mit Hektik läuft hier gar nichts. Und zu planen hat keinen Zweck. Die zwölftausenddreihundertsechsundneunzig Dinge, die ich für mein neues Leben als Neo-Asiat geplant hatte, wurden schon nach den ersten drei Tagen gleich in den Sand gesetzt. Meine Pläne wurden gleich nach den ersten drei Tagen in den Sand gesetztDie Thais sind halt spontan, leben in den Tag hinein. Und lächeln. Das Wort "sanuk", also fröhlich, könnte man als thailändisches Lebensmotto bezeichnen. Mensch, man fühlt sich einfach klasse, grinsende Gesichter zu sehen! Doch ich hätte nie gedacht, dass man das Lächeln erst lernen muss ... Vor einiger Zeit wurde ich gefragt, ob ich sicher sei, Deutscher zu sein, denn schließlich bögen sich ja auch meine Mundwinkel immerzu nach oben. Darüber sollten wir mal nachdenken, was?
Romantik der Einfachheit.
Mental hat sich also einiges in mir geändert. Vor allem die Fähigkeit, mit anderen Menschen zu arbeiten oder sogar bei ihnen zu wohnen, obwohl man deren Sprache nicht einmal versteht (naja, mittlerweile geht's ...), erfordert aber Kreativität und Offenheit. Und einen gewissen Grad an Wahnsinn. Mal ganz ehrlich: Wer wäre schon verrückt genug, Silvester allein mit Leuten zu feiern, die man erst vor zwei Stunden kennen gelernt hat, bei denen man sich, was die Kommunikation anbelangt, etwas einfallen lassen muss und zudem nicht mal deren Sitten und Traditionen kennt? Ich habe mich darauf eingelassen. Habe es einfach getan, in Malaysia. Lernt zu leben, Leute! Ich hätte nie gedacht, dass man Lächeln lernen mussEine Gastfreundschaft wie hier habe ich höchstens in der Türkei schon erleben dürfen. Vielleicht geht die hiesige sogar noch darüber hinaus. Ich habe Freunde überall in Südostasien gewonnen (das geht hier sehr schnell), die mich immer wieder zu sich nach Hause oder auf Partys einladen, wenn ich mal im Lande bin. Ich habe schon gar keinen festen Wohnsitz mehr und muss sehen, wie ich diesbezügliche Enttäuschungen weitestgehend vermeiden kann.
Ja, ich reise jetzt viel. Lerne also wirklich die Welt und andere Kulturen kennen, erfahre von Lebensweisheiten und deren Umständen. Das sollte man meiner Meinung nach tun, so lange man es kann. Wenn ich jedoch höre, über welche Probleme man sich in Europa die Köpfe zerbricht und Jammertiraden anstimmt, da könnte mir förmlich der Kragen platzen. Im Nachbarland mit dem wundervoll dschungelbuchhaften Namen "Kambodscha" lebt es sich beispielsweise alles andere als wundervoll, höchstens dschungelbuchhaft. Hängt mit der Geschichte zusammen. Da waren die Roten Khmer, die aus dem gesamten Land ein einziges Konzentrationslager gemacht hatten. Und das ist erst dreißig Jahre her. Kambodschas Landstriche sind noch immer vermint
Der Kerl weiß, was er gern liest.
Bis heute sind Landstriche vermint, aber die Bauern müssen ihre Felder trotzdem pflügen, sonst würden ihre Familien hungern. Krankheiten wie AIDS oder Tuberkulose zeichnen die Bevölkerung. So etwas wie Krankenversicherung oder gar Rente gibt es dort nicht. Meine Entscheidung, in einem Kinderkrankenhaus Blut zu spenden, hat mir viel mehr als nur Ansehen und neue Freunde gebracht: Das Gefühl nämlich, Mensch zu werden.
Fotos: Photocase - Karin_ST, Marco Frömter
Marco Frömter arbeitet in Thailand als Lehrer-Voluntär und WOOLING.NET-Korrespondent. Geschichten in die Heimat erzählt er regelmäßig auf WOOLING.NET.
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