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Zu feucht, um wahr zu sein E-mail
by Herr Zinner | Woanders | Tuesday, 29 April 2008   


Charlotte Roche will mit ihrem Roman „Feuchtgebiete" provozieren und appelliert gegen das Mädchenhafte. Das schafft sich auch vorzüglich. Zum Glück!


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ch habe mir also „Feuchtgebiete" von Charlotte Roche bestellt, nach dem ich ein Interview mit ihr gelesen habe und von ihren Gedankengängen so begeistert war, dass der Kauf des Buches ein klares Honorar für solch eine Alltagsperspektive abgeben musste.

Lasst uns rebellieren, gegen das mädchenhafte Getue dieser Welt!
Lasst uns rebellieren, gegen das mädchenhafte Getue dieser Welt!
In einigen Internetrezensionen laß ich von ekelstimulierenden Passagen, einen vernachlässigten Handlung, übertriebener Provokationslust. Das Schöne an den Rezensionen ist, dass sie zeigen, wie dringend ein solches Buch gebraucht wird. Lustig ist etwa diese: „Ich lese gerne Bücher, die sich schon mal in Grenzbereichen bewegen, zum Beispiel durch die Darstellung ungewöhnlicher oder gar extremer sexueller Praktiken. [...] Hier habe ich mich bei der Lektüre jedoch nur noch geekelt." Na klasse, ein Grund mehr, es als Schullektüre einzuführen.

„Dass ich in Muschisachen so gesund und in Arschsachen so verkrampft bin, liegt daran, dass meine Mutter mir ein Riesenkackaproblem angezüchtet hat. Als ich ein kleines Mädchen war, hat sie mir oft gesagt, sie gehe nie groß auf Toilette. Sie müsse auch nie furzen."


EIGENTLICHES KOPFKINO
Aber  worum geht es denn. Wider einiger Erwartungen ist es kein Aufklärungsbuch sondern ein Roman. Protagonistin ist die 18-jährige Helen. Ein Mädchen, das, zumindest innerlich, nicht auf der Welle des Mainstreams mitpaddeln will, sondern sich ihr als ... na, man könnte sagen Wellenbrecher entgegenstellt. Sie hat deutlich ihren eigenen Kopf und traut sich das auch gelegentlich zu zeigen. Das heißt - eigentlich immer. Nur manchmal schlägt sie über die Stränge, wodurch der Leser förmlich hin und her gerissen ist, zwischen extremer Sympathie und Verachtung für das Mädel. Sie ist nämlich manchmal eine Säuferin und nahm Drogen, das lesen wir nicht all zu gerne, gell? Aber sie ist immerhin ehrlich.

Charlotte Roche wurde zwar in Wimbledon geboren, ist aber trotzdem eine deutsche Moderatorin, Produzentin, Sängerin, Schauspielerin und eben auch Schriftstellerin.
Charlotte Roche wurde zwar in Wimbledon geboren, ist aber trotzdem eine deutsche Moderatorin, Produzentin, Sängerin, Schauspielerin und eben auch Schriftstellerin.
Helen kommt in ein Krankenhaus, weil sie sich bei der Intimrasur an der Rosette verletzt hat. Das Interessante: dort bleibt sie auch während der gesamten Handlung, bis auf einige Rückblendungen in ihren Gedanken. Die Handlung wird so zwar gelegentlich vernachlässigt. Das ist aber nicht schlimm, denn nach jedem Kapitel findet die Geschichte stets ins Krankenhaus zurück. Man erfährt einiges über ihre Familie, also ihre nicht mehr ganz so ganze Familie, über ihr Hobby, das Avokadobäumchenzüchten und darüber, dass auch die lockere und überlegene Helen sich verlieben kann. Und nicht nur fickt.

„Wenn die im Fernsehen Sex miteinander hatten und die Frau danach aufsteht, hält sie sich mit der Decke die Brüste zu. Das ist nicht zum Aushalten für mich. Grad haben die noch ineinander gesteckt und jetzt versteckt sie ihre Titten."

UNEIGENTLICHES KOPFKINO
Aber eigentlich geht es der Autorin nicht darum, eine perfekte Handlung ins Bücherregal deutscher Wohnzimmer zu zaubern, hexhex, sondern darum, mit dem Buch ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen gegen all das mädchenhafte Getue dieser Welt. Gleich im zweiten Kapitel versucht die Protagonisten mit dem Satz „Hygiene wird bei mir klein geschrieben" zu glänzen und zu provozieren. Tut sie auch. Es ist so eine Art Schlüsselsatz, dessen Anliegen im gesamten Buch wieder aufgegriffen wird.


Charlotte Roche über ihr Buch bei Johannes B. Kerner (ZDF, 7 min)

Helen nimmt kein Blatt vorm Mund bei Wörtern wie „Kacke", „Muschi", „Ficken". Wozu auch? Schließlich reden Jungs auch nicht anders. Sie setzt sich mit ihren Körperflüssigkeiten auseinander, sei es Urin oder das Periodenblut, und schafft es, ohne den belehrenden Zeigefinger in die Luft zu strecken, den Leser gesündere und natürliche Gedanken zu bescheren. Zum Beispiel, dass nicht nur Prostituierte Posex haben dürfen, sondern jeder, den es geil macht, dass man der Tamponindustrie eins auswischen kann, indem man sich Klopapier in die Scheide steckt, sofern man sich das traut, oder dass glattrasierte Muschis bei den Herren längst nicht so gefragt sind, wie die behaarten, zumindest die ein bisschen behaarten, von wegen des Geruches.

„Wie soll ein Mann keinen Ständer kriegen, wenn eine Frau ihm in unmittelbarer Nähe von Sack und Schwanz rummassiert, zum Beispiel am Oberschenkel. Ich werde davon auch feucht. Nur, bei Frauen sieht man die Aufregung nicht."

ZUGESCHLAGEN
Nach dem Lesen ist man gleich doppelt beeindruckt. Von einem Charakter, wie ihn Helen darstellt, auf der einen Seite. Ein Mädchen, das mit 18 so reif und so kindlich ist, wie man es sich nur wünschen kann; fast wünscht man sich, sie heiraten zu dürfen. Ein Mädchen, das Schwächen hat, wie jeder Mensch und das sich nicht so einfach von außen unterbuttern lässt. Und auf der anderen Seite ein Buch voller Humor und Wahrheiten, mit einer übertriebenen Provokationslust, die bewusst und klug eingesetzt wurde.

NOCH MAL NACHGEDACHT
Es ist nicht von der Hand zu weißen, wenn jemand sagt, dass „Feuchtgebiete" misslungen ist. Die Handlung steht gelegentlich zu still oder verpasst das gewisse Romanetwas und erschwert das Lesen an einigen Stellen durch für Nord- und Westdeutschland typische Ausdrücke, die sonst weniger geläufig sind.  Aber darum geht es nicht, es wäre blanke Krümelkackerei, sich irgendwelche Schwachstellen aus den Finger zu saugen, die hat jedes Buch. Das weiß im Übrigen niemand besser, als die Autorin selbst. Sie will ein Zeichen setzen, nicht mehr. Und vielleicht hat sie es ja bereits geschafft.

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"Feuchtgebiete" von Charlotte Roche. 14, 90 Euro - könnte glatt einsfuffzig billiger sein, wenn man die komische Wundpflasterprägung auf dem Cover weggelassen hätte. Erschienen bei "DuMont" unter ISBN-10: 3832180575



Fotos: Photocase - dread kennedy, turbo 1000; Wikimedia Commons - Markus Hammes

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  Meinungen (1)
von didi, on 29.04.2008 17:21
Ich habe das Buch auch gelesen. Sagen wir es mal so: Vom Plot ist's echt nicht so das Wahre. Aber wie du schon sagst, darum geht es gar nicht. Außerdem machen es die ganzen Rückblenden und der schnelle, fließende Wechsen zwischen wörtlicher Rede und Gedanken zu 'nem lesenwerten (AUfklärungs)buch - vor allem nicht nur für Männer. Denn die können ja nur indirekt was am Mädchenhaftgetue der Frauen ändern. 
 
Hut ab vor der Autorin vor allem, die sich das traut. Aber wer, wenn nicht Charlotte Roche? ;) Norah Tschirner käme da höchstens noch in Frage.
 
 
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