zur Startseite 19 11 08
„Wir sind oversexed und underfucked“ E-mail
by Herr Zinner | Woanders | Thursday, 31 July 2008   


Sex verkauft sich immer noch gut. Drum gibt's heute ein Cafégespräch mit einem Sexshop-Verkäufer über die Pornoindustrie, gern gekauftes Sexspielzeug und Aufklärungsbedarf.
Image

E
in kleines Kaffeehaus im Hamburger Hafen, etwas abgelegen in einer Seitenstraße. Hier treffe ich mit Patrice*. Patrice arbeitet seit einiger Zeit als Verkäufer in einem Erotikladen, nicht so weit weg von hier. Im Cafégespräch spricht er über sein Verhältnis zu Sexprodukten, über die Pornoindustrie, die Leute, die bei ihm einkaufen und vor allem darüber, was sie kaufen. Und was besser nicht. Er erzählt auch, warum man Teenager über das System der Sexindustrie gesünder aufklären sollte und wieso Sex trotz Anti-Scham-Revolution ein Tabuthema bleiben wird.

Ein Gespräch, dass das Geschäft mit dem Sex nicht besser und nicht schlechter macht. Aber vielleicht etwas verständlicher.


Warum sollte man wenigstens einmal im Leben einen Sexshop betreten haben?
Sollte man das überhaupt? Ich glaube, man sollte auf jeden Fall einmal reingehen, um es gesehen zu haben. Das ist doch so wie mit vielen anderen Dingen in Leben. Du solltest sie mal ausprobiert haben, damit du weißt, wovon du sprichst. Genauso sollte man vielleicht mal gekifft haben oder einen Schluck Bier getrunken haben. Vielleicht sollte man auch einfach reingehen, um die Neugier zu befriedigen. Die ist dann ja sowieso weg, wenn du es öfter machst.

Und was hindert die Menschen daran, es auszuprobieren? Bei Bier und Zigaretten ziert sich doch auch fast keiner.
Oh, da gibt es eine nette Redewendung. Unsere Gesellschaft ist Oversexed und Underfucked. Du wirst überall mit Nackten und Halbnackten konfrontiert. Big Brother ist ein gutes Beispiel. Wenn es da zwei treiben, wird es groß aufgemacht. Letztendlich ist Sex aber immer noch ein Tabuthema. Schau, wenn ich mit jetzt hier im Café ausziehen würde, dann würden die Leute einen ordentlichen Aufstand machen. Sie würden womöglich schreien und mich rausschmeißen. Vielleicht sind wir weiter als früher, aufgeklärter, und wissen, dass man fürs Pornogucken nicht bestraft wird. Aber Sex ist tabu, da kann man machen was man will. Und damit sind auch Sexshops tabu. Wenn man reingeht, dann fühlt man sich womöglich anrüchig und anstandslos. Und das ist vielleicht auch ganz gut so. Sex ist eine private Sache. Wenn sich Männer einen Porno im Laden kaufen, dann wollen sie nicht, dass das die ganze Stadt weiß. Und bei Frauen ist es ähnlich. Wenn sie sich einen Vibrator zulegen ist das für viele sowieso ein innerer Konflikt, sich das Singledasein einzugestehen

„Wenn ich mich hier plötzlich ausziehen würde, würden sie mich rauswerfen"
Und du? Wenn du dort nicht arbeiten würdest, würdest du auch einen Bogen drum rum machen und höchstens mal knallrot und klammheimlich reinschielen?
Natürlich würde ich das. In einen Erotikladen zu gehen wird auch sicher wieder zum Problem für mich, wenn ich lange genug in keinem mehr gearbeitet habe. Auch wenn ich natürlich zurzeit durch meine Arbeit abgekühlt bin. Aber schau mal, es ist doch echt nichts gegen das Schamgefühl zu sagen. Das ist sogar gut, dass es das gibt. Viel schlimmer finde ich es, wenn die Leute ihr Verhältnis zur Sexualität darstellen müssen, anstatt einfach ungezwungen damit umzugehen. Ich meine, beim Sex gibt es doch nichts zu gewinnen, oder so.

Gut verpackt.
Gut verpackt.


Zumindest keinen "Wer-sagt-am-schnellsten-zehnmal-Ficken-hintereinander"-Wettbewerb.

Ja. Aber manche Leute kommen mit Freunden in den Laden und machen eine Riesenshow draus: „Hey, schaut mal her wie locker ich das alles sehe!". Das Schamgefühl einfach radikal wegrasieren, das geht nicht. Und das funktioniert auch nicht, haben wir doch schon bei den 68ern bemerkt. Die sagten: „Weg damit!" - und was ist heute? Immer noch da.

Es ist ja eigentlich nicht nur Scham da. Entschuldige, aber Sexläden sind ja geradezu verpönt, verschmäht, was sage ich: Als pervers werden sie bezeichnet. Wieso denn eigentlich?
Ich kann mir vorstellen, dass das daran liegt, dass Sexualität seit Jahrtausenden unterdrückt wird. Vor einem dreiviertel Jahrhundert, zum Beispiel, war noch null Aufklärung dabei. Damit waren echte Probleme verbunden: Zu viele Schwangerschaften, Krankheiten ... das spielte damals alles eine Rolle. Und dieses Tabu, was Sex betrifft, das werden wir nicht los. Da können noch so viele 68er kommen und Tabulosigkeit fordern.

„Da können noch so viele 68er kommen und das Schamgefühl radikal wegrasieren"
Okay, nächster Schritt. Wenn man sich dann erstmal traut, in einen Erotikladen reinzustiefeln, wartet gleich die nächste Überraschung: Sex ist teuer.
Sexspielzeug ist Luxus und Luxus kostet. Ich vergleiche das mal mit Nike-Sportschuhen. Da zahlst du auch richtig drauf, obwohl sie günstig in Asien produziert werden. Bei einem überdimensionalen Gummi-Dildo ist es das Selbe. Der besteht eben nur aus Gummi und sonst nichts - und kostet trotzdem fünfzig Euro. Andererseits wird keiner daran sterben, wenn er keinen supergroßen Gummidildo hat. Wem es das Geld wert ist, bitte, aber es ist ja niemand darauf angewiesen. Andererseits, die Vibratoren von Fun Factory, zum Beispiel, haben auch eine echt gute Qualität. Für ein gutes Produkt zahlt man eben.

Auch ganz gut verpackt.
Auch ganz gut verpackt.


Und wer zahlt für sowas?
Alle. Sexartikel werden wirklich von allen gekauft. Männern, Frauen, jung, alt, Handwerker mit Farbe an den Händen und Hände mit Mastercard-Goldkarte zwischen den Fingern. Klar, hier muss man differenzieren. Pornos kaufen meistens vierzig- bis sechzigjährige Männer. Die haben auch das Geld locker sitzen. Vielleicht liegt es ja daran. Es gibt natürlich auch 18-Jährige, die sich einen Porno für Neunzehn-Neunzig holen, klar. Allerdings werden, na ich schätze mal, vielleicht ein Prozent der Pornos von Frauen gekauft. Und fünf Prozent von Pärchen. Der Rest sind Männer. Frauen erstehen dann eher Dessous oder Sexspielzeug. Die sind auf das Aktive aus, sie wollen was davon haben. Pornofilme sind ja eher nur passiv konsumierbar - zuschauen eben. Damit können viele Frauen nichts anfangen. Das heißt allerdings nicht, dass Frauen nicht das machen, was in Pornos gemacht wird.
„Ein Prozent der Pornos werden von Frauen gekauft"

Gut, jetzt wissen wir schon mal wer einkauft. Aber was wird denn verkauft? Doch nicht genau fünf But-Plugs, fünf Pornos und fünf Kondome pro Stunde?
Nein. Das Geschäft lebt primär von den Pornos. Pornos sind Dauerbrenner, schon immer. Die VHS hat ihren Siegeszug als Videokassette der Pornoindustrie zu verdanken, weil sie Lizenzen an Pornofilmhersteller herausgab. Sony brachte zeitgleich ein eigenes Videokassettenformat heraus - und scheiterte, weil die Firma sich gegen die Lizenzierung von Pornofilmen entschied und die Leute keine Videorekorder kaufen wollten, für die es keine Pornos gab. Heute leben die Videotheken von den Pornofilmen, nicht von den stinknormalen Hollywood-Blockbustern. Und die Sexshops leben auch von den Pornos. Magazine gehen auch ganz gut. Na ja, und Sexspielzeug ... Dildos, Vibratoren vor allem. Zwar nicht so viel, aber hier läuft die ganze Bandbreite. Auch kleine Sachen, wie Cockrings - Penisringe sind das. Von Durex gab es mal ein Teil, das konnte man sich auf den Finger stecken und vibrieren lassen, um die Klitoris der Frau zu stimulieren. Das ging gut. Kondome sind im Übrigen nur Nebenerwerb. Die gibt es ja auch in der Drogerie.

We, too.
We, too.


Sollte man Teenager über die Sexindustrie und Sexspielzeug selbst besser aufklären?
Zumindest sollte man sie animieren, sich diesbezüglich selbst zu bilden. Vor Jahren habe ich mal ein richtig gutes Buch gelesen, das hieß schlicht „Das Sexbuch" - da ging es um einen Kapitel um Sextoys und wie man sie sorgsam verwendet. Eigentlich lauern beim Sex ja sowieso schon genug Gefahren. Die Genitalien sind empfindlich: Vaginaschleimhaut, Penisbruchgefahr ... Manche wissen auch nicht, dass man sich keine Flasche anal einführen sollte, weil sich durch den Hohlkörper ein Vakuum bilden kann und man die Flasche dann ohne Arzt nicht mehr rauskriegt. Das ist nicht nur peinlich, sondern auch gefährlich. Wenn die Flasche anfängt zu splittern, kann die Darmwand verletzt werden - und die ist empfindlich und nicht mal eben einfach mit einem Pflaster zu reparieren. Aber auch mit geeignetem Sexspielzeug sollte man behutsam umgehen. Man sollte sich auf jeden Fall informieren, auch wenn man das Zeug verpönt.

Im Internet stieß ich neulich auf eine Anleitung zum Einfüllen von Kochsalzlösung in den Hodensack.
Die Leute machen tatsächlich alles. Solche Anleitungen dienen nicht nur zur Aufklärung. Die, die sie schreiben, meinen wahrscheinlich: Wenn ihr es schon macht, dann ist es okay. Aber dann macht es wenigstens richtig. Und die Leute machen sowieso alles. Es ist erstaunlich, was manche mit Sex verbinden. Das Extremste, was ich auf der SM-Schiene mitbekommen habe, sind Leute, die sich kleine Vögel penetrieren und ihnen kurz vorher das Genick brechen, weil es dann so schön zuckt. Wie ein Vibrator.

„Das Internet hilft der Pornoindustrie und macht sie nicht kaputt"
Internet und Porno - das Thema war ja schon mal vom Tisch und wird jetzt wieder aufgerollt, weil es angeblich die Pornoindustrie kaputt macht. Durch YouPorn und seine Gefährten hat jeder Zugang authentischen Amateur-Pornos für lau - ganz legal. Wie siehst du die Zukunft der Porno-DVD?
Ich glaube, dass die Pornoindustrie in YouPorn auch eine Plattform gefunden hat, sich zu repräsentieren. Wenn man dort mal so durch die Clips klickt, merkt man schnell, dass nicht alles Amateurpornos sind. Und Überhaupt: Das Internet selbst macht den Vertrieb kommerzieller Pornos viel leichter und angenehmer für die Hersteller. Die sparen Unmengen. Außerdem wird es immer genug Käufer geben, die in den Laden gehen, weil sie dort was in der Hand haben, eine DVD-Hülle mit einer Platte drin, die sie kaufen können und mit nach Hause tragen. Viele stehen auch gar nicht auf die selbstgedrehten Clips, die einengroßen Bestandteil von Sites wie YouPorn ausmacht. Es ist ja auch nicht immer schön, was man bei YouPorn zu sehen bekommt. Ich habe keine Ahnung, wie die Zukunft für professionelle Pornofilme aussehen wird. Aber so schlecht sicher nicht.

I would prefer to skip this.
I would prefer to skip this.


Kaufst du selbst bei euch im Laden ein?
Klar, ab und zu, wieso auch nicht? Schließlich bekomme ich Mitarbeiterrabatt und wäre schön blöd, wenn ich Kondome woanders kaufen würde. Ich habe mir auch schon ein, zwei Filme gekauft, manchmal auch Sexspielzeug. Aber das ist für mich auch irgendwie bedeutungslos, denn wie gesagt, ich bin diesbezüglich sowieso abgehärtet. Ich würde wahrscheinlich nichts hier kaufen, wenn ich hier nicht arbeiten würde.

„Beim Sex eins auf die Fresse hauen - manche finden es eben gut"

Trotz Abhärtung: Gibt es Produkte, die du übertrieben findest?
Das Gefühl, dass einige der Produkte irgendwie skurril sind, verschwindet schnell. Denn wenn keiner übergroße Gummidildos kaufen würde, dann würden sie auch nicht hergestellt werden. Wenn du siehst, dass sie gelegentlich verkauft werden, dann sind sie normal. Sicher, einige SM- oder Fäkal-Pornos findet man immer skurril. Wir hatten auch mal einen Vibrator, der Stromstöße von sich gab. Oder Gynäkologeninstrumente für zuhause, sowas gibt's auch. Bei dem ganzen SM-Zeug fragst du dich: Beim Sex sich gegenseitig auf die Fresse hauen - wo ist da der Spaß? Aber es gibt eben Menschen, die finden es gut, also ist es okay.



Was nimmst du mit ins Leben?
Ich bin ziemlich ernüchtert, was das ganze Sexzeug betrifft. Pornos, ein Industriezweig eben. Im Laden hatten wir schon Pornodarstellerinnen zur Autogrammstunde - die waren aus der Nähe betrachtet nicht mal hübsch, hatten null Ausstrahlung. Die können zwar laut stöhnen, aber das kommt aus der Brust. Wenn man vor Geilheit stöhnt, kommt das aus dem Bauch. Die machen eben ihren Job, in den Pornos und haben womöglich nicht mal Spaß dabei. Das ist bei manchen ähnlich wie mit der Prostitution. Eine Notlösung. Für die Damen auf dem Strich eine finanzielle und für die Freier eine sexuelle. Das ist nicht unbedingt schön, aber es ist eben so. Und bei allem, was ich gelernt habe, glaube ich auch nicht, dass es Pornofilme jemals Schaffen werden, im breiten Feld der Kunst akzeptiert zu werden. Dafür sind sie einfach zu schlecht.

*) Name von der Redaktion geändert

WOOLING.NET Cafégespräch – das sind gediegene Interviews mit Menschen, die etwas von sich zu erzählen haben und die Zeit haben, mal in aller Ruhe gemütlich aus dem Leben zu plaudern, egal woher sie kommen und was sie machen.



Fotos: Photocase - ginsberg, Pryce, juliaw; WOOLING.NET (Montage)

Meinung sagen:
Achtung: Bevor du kommentierst, erinnere dich bitte noch einmal an deine gute Erziehung. Hab keine Angst, wenn dein Beitrag sinnentleert ist. Das kommt vor. Aber sei kreativ!
Name:
Kommentar:

Anti-Spam-Code:* Code




  Sei der erste, der zu diesem Artikel seine Meinung sagt!
 
 
StartHierWoandersEnglish
Fotozimmer Fotozimmer     Sprechzimmer Sprechzimmer
Gebrauchsanweisung zum neuen WOOLING.NET

WOOLING.NET-Autor werden


Playlist

Musik, die die Redaktion gerne hört. Sorgfältig ausgewählt, ständig erweitert.

Musiktipp einsenden »
 
Nachgefragt 31
Politik ist ...
 



Achtung, IE-Nutzer!
 Da der Microsoft Internet Explorer nicht den weltweiten Web-Standards entspricht, wird WOOLING.NET im Internet Explorer bis Version 6 noch fehlerhaft dargestellt. Alle Fehler konnten wir noch nicht beheben. Das betrifft vor allem Textausrichtung, Linien und Abstände. Um WOOLING.NET in voller Schönheit genießen zu können, legen wir euch ans Herz, den Internet Explorer zu aktualisieren oder am besten gleich kostenlos zu Mozilla Firefox oder Safari für Windows umzusteigen.
Mehr zum Thema IE lesen »
 
Meinungen
Bis auf Weiteres, Baby!
in der wikipedia steht, dass ist der abschieds-beitrag. klingt irgendwie nicht s...
»»

Poppiger Planet
Stimmt, allesamt gute Programme. Hört man 1LIVE aber am Tage, kann einem gerne e...
»»

Poppiger Planet
Stimmt, allesamt gute Programme. Hört man 1LIVE aber am Tage, kann einem gerne e...
»»

Poppiger Planet
Ich darf noch den Zündfunk auf Bayern2, dein 1Live PlanB (abends auf 1Live) und ...
»»

W.NET Ensemble
Schreiben für lau und haben auch gern ein offenes Ohr, die Damen und Herren.

Contact
Contact Contact
Contact Contact Contact
Contact Contact Contact
 
© WOOLING.NET 2000-2008