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Weil's Pappe-Käffchen sexy macht E-mail
by Herr Zinner | Woanders | Saturday, 21 June 2008   


In New York war es noch ganz fetzig. Dass nun auch Wien, Hamburg und Wanne-Eickel zu Coffe-To-Go-Metropolen herangewachsen sind, konnte ja keiner ahnen.

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I
n jenem Moment, in dem diese Zeilen entstehen, sitze ich in einem hektischen, kleineren Kaffeehaus, dass sich von anderen nicht nur durch seine grün-schwarzer Firmenidentität unterscheidet, sondern vor allem durch die Tatsache, dass es jemand erfunden hat, der zugegebenermaßen nicht einmal ansatzweise etwas von gutem Kaffee und herrlichem Espresso versteht. Von einem Amerikaner, nämlich. Trotzdem, ist eigentlich ganz gemütlich hier.

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Nun gut, der Starbucks-Tall-Americano-Filterkaffeeersatz mit lustigem Namensschildchen war wirklich schon mal besser, damals, als der Weg von einer Filiale zur nächsten noch ein wenig mehr als 200 Meter betrug. Vielleicht ist die Jazz Musik auch ein halbes Dezibel zu laut, das elektrische Kaminfeuer nicht so romantisch wie ein echtes und vielleicht erscheint auch die britische Originalausgabe von Harry Potter und der Halbblutprinz ein wenig verloren hier. Irgendein anglophiler Kaffeehausmitarbeiter muss sie auf den Kaminsims gestellt haben. Was soll’s: Wenn man zu Starbucks geht, dann weiß man, worauf man sich einlässt.

Calling my friend the coffee is fuckin' good!
Calling my friend the coffee is fuckin' good!
Und ohnehin: Es interessiert ja gar niemanden mehr, ob das Potterbuch über dem Feuer tatsächlich gelesen wird und dass Smooth Jazz ganz sanft und leise am smoothigsten ist.

Denn unsere Zeit lebt, wie schätzungsweise jede Epoche seit dem Entstehen der Ursuppe, von Trends und ein solcher wagt sich mal wieder breitzumachen, in den letzten Monaten zunehmend beängstigend stark. Es ist ein Trend, der höchstens noch bis zum Kaffeehaustresen, jedoch keinesfalls einen Schritt weiter führt.

„Einen Coffee, aber to go, bitte“, ruft das piekfeine Großstadtmäusel mit posierendem Stimmchen der nicht minder kosmetisch bearbeiteten, tall-grande-oder-venti-fragenden Tresentrulla entgegen, während sie hastig mit der anderen Hand durch ihr Handytelefonbuch blättert, um vorzutäuschen, sie würde nebenher eine SMS tippen.Ich bin mir sicher, dass sie das Zeug gar nicht trinkt
Drei Minuten später hat sie ihr Käffchen zum gehen, liebevoll verpackt in einem zeitlosen Pappbecher mit dem Logoaudruck des Franchise-Unternehmers ihres Vertrauens, verziert mit einem kontraststarken  Verbrenn-dir-nicht-die-Finger-Papierring und Sau-dir-nicht-dein-Leiberl-voll-Plastikdeckel – zum Wohle!

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Inzwischen bin ich mir sicher, dass sie, genau wie ihre Formatkolleginnen, das Zeug gar nicht trinkt. Solche Mädels stehen auf Caipirinha, Pepsi-Cola und Volvic. Aber der Mitnehmkaffeebecher hat einen Symbolcharaker, den zu erleben einer jeden urbanen Mausi Zweieurofünfzig nicht lieb und teuer genug sind. Denn egal ob von Balzac, Starbucks oder der Bäckerei nebenan: Er strahlt eines der wichtigsten Güter unserer Zeit aus – die gnadenlose Unabhängigkeit.







Coffee-To-Go ...

... ist:
ein englisches Wort
... heißt:
nicht "Kaffee zum beim Laufen trinken" sondern eher "Kaffee zum mitnehmen und irgendwo trinken".
... hat: einen Pappbecher mit Plastikdeckel - der ist aber eigentlich nur für denTransport gut.
... gibt es: neuerdings überall.
... kostet: soviel, wie er nicht mal ansatzweise Wert ist
... enthält: meistens frisch gemahlenen Kaffee. Es gibt aber auch genügend Vertreter, die dreisterweise den Becher mit Filter-Kaffee füllen. Na ja, merkt ja eh keiner.
Von nun an muss sich keiner mehr in einem einst restlos überfüllten Straßencafé für einen Sitzplatz anstellen. Es braucht auch kein Trinkgeld mehr und wenn man nebenher telefoniert, gibt es auch keinen Sesselnachbarn, der sich dem Zuhören genötigt fühlt. Die ganze Welt darf sehen, dass man unabhängig ist, von Zeit, Licht, Ort, und doch kein Stümper, der sich mit einem Fruchttiger-Trinkpäckchen abgibt.
Papierbecher in der Hand – der Posier-Streifzug darf beginnenMit dem aus dem Restpostenverkauf günstig erstandenem D&G-Täschchen, das irgendwie viel zu kurz und eng wirkt und in das auch nicht bedeutend mehr passt als ein Schminkspiegel und die letzte Young Miss, über der Schulter des linken Armes und den kaffeegetränkten Papierbecher in der Hand der zugehörigen Zweitgliedmaße ist die Fräulein-Version 2008 gewappnet und metroalltagstauglich ausgestattet. Der Posier-Streifzug darf beginnen!

Wenn es mal irgendwann an einer Epochenbezeichnung für den Beginn des 21. Jahrhunderts fehlten sollte, darf man sie getrost das Zeitalter der Pappkaffeekultur nennen. Ihre Merkmale spiegeln sich im gänzlichen Verlust der Gemütlichkeit und liebevoll eingerichteter Eck-Cafés wider.
Einen Kaffee zu trinken heißt nicht nur, einen Kaffee zu trinkenDenn, einen Kaffee zu trinken heißt nicht nur, einen Kaffee zu trinken. Hier geht es um mehr. Ein gepflegtes Gespräch über die aktuelle Lage der Nation, etwa. Oder das dreist unauffällige Verfolgen zwischenmenschlicher Kuriositäten auf dem Bürgersteig gegenüber. Oder das Schreiben von Ich-bin-gegen-Coffee-To-Go-Texten.

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Daran wird sich aber nichts ändern, das können wir getrost einsehen. Kaffeekulturelle Werte zählen nicht. Der klägliche Versuch ein Ebenbild diverser Sex-And-The-City-Charakteren zu sein aber schon. So werden also auch bald die hinterwäldlerischsten Bäckereien und Würstlbuden Coffee-To-Go-Schildchen aufhängen.
Der klägliche Versuch ein Ebenbild diverser Sex-And-The-City-Charakteren zu sein
Neben mir unterhalten sich gerade zwei etwas korpulentere Damen über Coffee-To-Go. Jetzt also auch noch die. Dem amerikanischen Vorbild kommen sie ohnehin erschreckend nahe.

Mein Käffchen ist schon kalt. Hätte ich ihn mir mit aufs Fahrrad genommen, wäre das sicher nicht passiert.

Wenn schon to go, dann aber richtig: Einen kleinen Knigge für die Pappkaffee-Generation gibt es auf coffeeright.de.



Fotos: WOOLING.NET

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  Comments (3)
Written by Erik, on 23.08.2008 15:43
Hallo Leute…falls Ihr mal nen lecker Aromakaffee probieren möchtet, schaut doch einfach mal unter http://www.coffeecube.de/erdbe.....-74-1.html 
Das Motto lautet dann: Heute bin ich Erdbeer- Sahne!!! 
Lieben Gruß
Written by TJ, on 26.08.2008 09:04
Na Herr Brockholz, 
die Geschäfte laufen wohl net so dass hier schon Werbung geschoben werden muss. 
Über einen Link an entsprechender Stelle auf Ihrer Seite würde sich WOOLING.NET sicher freuen.
Written by herrzinner, on 26.08.2008 14:34
Andererseits könnte ich mir eine Glosse über aromatisierten Erbeerkaffee auch gut vorstellen.
 
 
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