by Herr Zinner | Woanders | Saturday, 16 August 2008
Heute sind die Gegenfrequenztöter eine größere Gruppe alternative Preußen, die es sich zum Ziel gemacht haben, ihr Proletenumfeld mal etwas unkonventioneller zu unterhalten.
In Zeiten der freizeitmusikalischen Machtübernahme von iPod und seinen Gefährten, hat es das nostalgische Radio nicht leicht, sich bemerkbar zu machen. Einige Sender sind trotzdem eine echte Alternative zur Festplatte. WOOLING.NET stellt sie vor. Heute: Das berlin-brandenburgische Pop- und Kulturradio radioeins - oder Radio Eins - oder was auch immer ...
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er einen Sender mit „Nur für Erwachsene" anpreist, macht es auch ganz schön spannend. Besonders für alle, die weder Volljährig- und Vollmündigkeit ihr Eigen nennen dürfen. Das ist das gleiche Phänomen wie mit den Erotik-Boutiques, an deren Fensterscheiben sich kleine Jungs die Nase platt drücken. Der Unterschied zu jenen ist jedoch: Bei radioeins muss man keinen Personalausweis vorzeigen und kommt auch so ganz legitim an das schätzungsweise beste Proleten-Programm, was es in Deutschland gibt. Denn auch für Akademiker und die verdorbene Jugend ist das alternative Gegen-Dudelfunk-Radio mit tausenden Titeln in der Rotation 24 Stunden am Tag hörenswert. Und am Sonntag kommen auch ganz gerne mal B-Promi-Nasen und -Zungen hinters Mikro.
RDS: RADIO1 Nicht-RDS: radioeins Ist: öffentlich-rechtliches Pop- und Kulturprogramm Vom: RBB Nicht verwechseln mit: Radio EINS (Dudelfunk aus Coburg), Radio Eins (aus der Schweiz) und BBC Radio 1 Nachrichten: stündlich Hörbar: In Berlin-Brandenburg und angrenzenden Gebieten über UKW, sonst im Internet oder via Satellit Ein Titel: Suzanne Vega - Book & a cover
GeschichtsbuchLos ging es in der letzten Hochzeit der privaten und öffentlich-rechtlichen Radio-Neugründungen - in den wilden Neunzigern. Damals, am 29. August 1997, existierten in Berlin und Brandenburg noch separate öffentlich-rechtliche Rundfunkeinrichtungen, der SFB (Sender Freies Berlin) und der ORB (Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg), welche sich erst Jahre später zum RBB vereinigten. Dennoch entwickelte man schon gemeinsame Hörfunkprogramme für Berlin und Brandenburg, zum Beispiel das Jugendradio Fritz. Radio Eins entstand schließlich aus den Sendern „Radio B Zwei" vom SFB und „Radio Brandenburg" vom RBB und legte von vorn herein Wert auf einen hohen Wortanteil und anspruchsvolle, gute Musik. Das ging sogar soweit, dass Radio Eins 2003 als erster Radiosender mit dem Echo-Mediapreis für die beste Medialeistung ausgezeichnet wurde. StundenplanRadio Eins zeichnet sich, wie bereits exakt zweimal erwähnt, durch eine nicht zwangsläufig massenkompatible, dadurch aber sehr attraktive Musikauswahl aus. Mehre Tausend Titel befinden sich hier in der ständigen Rotation. Beim Adult Contemporary Hitradio („Dudelfunk") sind es nur wenige hundert. Das führt dazu, dass auch unbekannten Bands, die meilenweit von den Top-Hundert der deutschen Singlecharts entfernt sind, keine Schranke auf den Gitarrenkoffer geschmettert wird. Ergänzt wird das Ganze durch Musiksendungen am Abend, die noch weitaus tiefgreifender sind. Das ist nichts Neues, machen es doch mittlerweile alle Programme, die etwas auf sich halten, aber schön ist es ja trotzdem. Beispiele: Radio Affairs lädt lokale Musikgruppen ins Programm, bei HappySad ist man auf der Suche nach Individualisten in den entlegensten Winkeln der Popmusik, Freistil zeigt Extreme, die sich an der Grenze des musikalisch erlaubten Befinden und Experience traut sich in psychedelische Rockuniversen.
Hatten mal was beim Sender: Kuttner und Kuttner. Vater und Sohn.
Sonst kann man sich das Radioprogramm ganz gut merken: „Der schöne Morgen", „EINS am Vormittag", „Eins am Nachmittag" und so weiter zeugen zwar nicht gerade von Kreativität bei der Programmnamenwahl, legen dafür aber Wert auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Eine locker-lauschige, informative und unterhaltsame Begleitmedienkultur.
Spannend wird es am Wochenende, wobei dort die Sonntags ausgestrahlte „Show Royale" besonders hervor gehoben werden soll, die sich mit dem „Salon Helga", den wir bereits bei FM4 vorgestellt haben, vergleichen lässt. Witzigerweise sind auch die Moderatoren dieselben, die Kabarettisten Stermann und Grissemann.
Auch Sarah Kuttner und ihr Papa Jürgen hatten bis zum Frühjahr eine eigene Sendung bei Radio Eins. Haben sie jetzt nicht mehr. Schade eigentlich. Wort und andere Töne
War mal bei Fritz und dort auch beliebt: Konstantina Vassiliou-Enz
Gell, das muss man schon mal sagen: Die Radio-Eins-Moderatoren sind fast allesamt steinalt. Das hört man ihnen zwar nicht an, aber die beste Zeit haben einige von ihnen beim Jugendradio Fritz verbracht, das, was früher auch die heutige Radio-Eins-Hörerschaft konsumiert hat. Gut sind sie aber immer noch. Alle.
Auch besonders gut ist ...... dass sich manche Moderatoren eine halbe Stunde über Spargel unterhalten dürfen, ohne gefeuert zu werden. ... dass der Hörer gesiezt wird, um die Komplexe wett zu machen, die der noch in der elften Klasse duzende Physiklehrer verursacht hat. ... dass der nichts aussagende, trotzdem elegante Sendername sich seit Gründung hält.
WehrmutstropfenWas ist also die Kehrseite der Medaille, der alles ins schlechteste Licht rückende Haken am Sender? Mit Sicherheit gibt es einen, vielleicht nicht-zielgruppengerechte Werbung oder irgendwie sowas, aber Radio Eins macht es dem geneigten Hörer wahrlich schwer, einen Minuspunkt zu finden. Im Gegenteil: Der Sender ist Pionier und der einzige öffentlich-rechtliche Sender Deutschlands, der Informationen aus Lokalstudios sendet und trotzdem auf Schlagermusik verzichtet.
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