by Herr Linke | Woanders | Wednesday, 06 August 2008
Herzlichen Glückwunsch! Franz Kafka wurde am Sonntag 125 Jahre und einen Monat alt. Anlass genug, sich in seiner Heimat Prag umzusehen.
W
enn man durch Prags Gassen geht, dann muss man zwangsläufig an Franz Kafka denken. Zum einen findet man an jeder Ecke einen Laden, der Kafkabücher, Kafkatassen oder Kafka-T-Shirts verkauft, und zum anderen entdeckt man an jedem zweiten Häuschen eine Aufschrift wie „Zde žíl Franze Kafky" (Hier wohnte Franz Kafka) im Goldenen Gässchen oder eine Gedenktafel wie an seinem Geburtshaus oder man sieht in irgendeiner Ecke eine Skulptur, die Kafka oder sein Werke darstellen sollen.
Wenn man Kafka sucht, dann findet man ihn in Prag an jeder Ecke.
Auf diese Art und Weise bewahrheitet sich schon die Widmung eines Buches, in welchem ich in einem Prager Bücherladen geschmökert hatte, wo sinngemäß stand: Prag ist Kafka. Und Kafka ist Prag.
Ein selten harmonischer Blick auf den Hradschin.
Und - ob mans glaubt oder nicht - tatsächlich haben diese Beiden einiges gemeinsam. Wenn man durch Prag wandert, dann fallen einem zu erst diese starken Unterschiede auf, die sich vor allem in der Architektur widerspiegeln: dreckige, hohe Plattenbauten in der Vorstadt und die kleinen, versteckten Häuser des Goldenen Gässchens; die kommunistisch-zweckmäßige Staatsoper neben einem neurenaissancen-pompösen Nationalmuseum am Wenzelsplatz; die himmelwertsstrebende gotische Kirche auf dem Hradschin und der kleine, unförmige Zeremoniensaal bei der Alt-Neu-Synagoge.
Gegensätze - überall in Prag.
Ähliche Gegensätze gibt es auch in der Person Kafka: Vaterhass - und trotzdem familiengebunden; Pragliebe und irgendwie - Fernweh; Familienwünsche - und Bindungsängste. "Prag ist Kafka. Und Kafka ist Prag"Mit einem Besuch in Prag verhält es sich ähnlich wie mit einem Buch Kafkas. Wenn man drin steckt, dann ist alles glasklar, verständlich strukturiert und schön anzusehen. Schaut man aber von außen auf das Buchcover oder die Stadt, dann ist alles auf einmal ein schwer zu entwirrender bunter Salat aus Bildern und Situationen, die scheinbar jeglichen Zusammenhang entgleisen.
Auch in Kafkas Werken gibt es einen ständigen Bezug auf Prag, wenn er auch nicht auf dem Silbertablett serviert wird. Zum Beispiel steht der Titl des Romans „Das Schloss" schon sinnbildlich für den Prager Hradschin und in der Erzählung „Das Urteil" ertränkt sich Sohn Georg in einem Fluss, der sicher von der Moldau inspiriert wurde. "In uns leben noch immer die dunklen Winkel, geheimnisvollen Gänge, blinden Fenster, schmutzigen Höfe, lärmenden Kneipen und verschlossenen Gasthäuser. [...] Die ungesunde alte Judenstadt in uns ist viel wirklicher, als die hygienische Stadt um uns." (Kafka zu Janouch)
Wenn man so durch Prag schlendert, dann wirkt diese Stadt immer etwas schmuddelig und kreuzverquert. Zwar verläuft es sich in der Prager Altstadtstraßenschluchten nicht so schnell wie in Venedig und Aufräumtrupps in EU-standartisierten, orangen Sicherheitswesten lassen den Eindruck entstehen, dass alles sauber und ordentlich ist. Aber eigentlich ist es genau dieses strukturelle Durcheinander, was einem amerikanophilen Großstädter schaudern lassen würde, was aber erst das Gefühl vermittelt, „Kafkas Prag" gefunden zu haben.
Die Gedenktafel an seinem Geburtshaus. Sein Geburtsdatum: 3.7.1883
Immer dann wenn man durch verschachtelte Nebenstraßen, in denenselten eine Menschenseele lungert, zu verfallenden Fassaden und skurrilen Läden, wie „Zum Ritter Christoph" findet. Selbst wenn die Fassaden alle aussähen wie die in der Pariser Innenstadt oder New Yorks City SoHo, würde man ewig an Kafkas Prag erinnert bleiben. Allein, wenn man nach sechs Uhr das nun verlassene und sehr saubere Goldene Gässchen (endlich kostenlos) betritt, kann man schnell die Ruhe spüren, die Kafka jahrelang an diesem Ort gehalten hat. Aber man stellt sich auch ebenso schnell den Dreck und die Bedrückung vor, die durch die damaligen armen Bewohner geherrscht haben müssen.
Man braucht etwas Fantasie, aber nur so findet man Kafkas Heimat.
Es gibt in Prag keine prachtvollen Boulevards, die sich mit der Champs-Élysées, dem Broadway odr auch Unter den Linden messen lassen können. Es wird auf ewig das Flair einer verwinkelten, mittelalterlichen Stadt behalten.
Und auch wenn man sich in Prag an viele Orten nicht mehr vorstellen kann, wie es vor 100 Jahren ausgesehen haben mag, gibt es wohl kaum eine Stadt, die so genial ihren größten Künstler widerspiegelt, wie es Prag macht.
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