Prag ist sexy, anders und für Osteuropa ganz schön Westeuropa. Das wissen die Stadt-Macher. Und kassieren.
P
rag ist ein metaphysisches Irrenhaus. Prag hat keine Realität." So urteilte zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts der Dichter Franz Werfel über seine Heimatstadt, die er auch bald darauf verließ. Heute hat die Realität von Prag Besitz ergriffen und der Zustrom jener, welche das besondere Flair dieses Ortes erleben wollen, scheint unvermindert anzuhalten. Vorerst.
Ja, Prag ist schön.
Nach der Kaiserkrönung Karl VI. im Jahre 1355 schrieb Prag als die „Goldene Stadt" Geschichte. Hatte sie bis dahin bereits durch die Silberförderung wirtschaftliche Macht erlangt, so wurde sie nun zum politischen und kulturellen Mittelpunkt des Heiligen Römischen Reiches. Monumentale Bauten, architektonische Meisterwerke, erzählen noch heute von dieser großartigen Epoche und tragen die Samen der Vergangenheit in die Zukunft. Prag, das TouristenmekkaPrag ist ein Touristenmekka geworden. Mehrere Millionen Besucher kommen jährlich in die tschechische Hauptstadt, um Kunst und Kultur, aber auch Knödel, Bier und Nachtleben zu genießen. Doch dieser Genuss ist leider nicht für jeden gleichermaßen wohlbekömmlich.
Und manchmal arm.
Den Stadtrundgang beginnt man am besten am Hradschin, wo die Prager Burg weithin sichtbar über der Stadt thront. Auf einem von Mauern und Burggraben umgebenen riesigen Areal scheint die Historie Prags in all ihrer Pracht zu Stein geworden zu sein. Besucher lustwandeln wie in einem Museum durch die Epochen von Ruhm und Reichtum, wobei einem allerdings die Lust angesichts der gepfefferten Eintrittspreisen schnell vergehen kann. Vor allem diejenigen, welche nur die Luft des berühmten Goldenen Gässchens, wo der Sage nach die Wunder- und Hexenküchen der Alchemisten Rudolf II. dampften, schnuppern wollen, werden enttäuscht sein. Hier, wo unter anderem Franz Kafka 1917 im Haus Nr. 22 gelebt und viele Nächte schreibend verbracht hat, wo die meisten seiner Erzählungen, die in dem Band „Ein Landarzt" Eingang gefunden haben, entstanden sind, wird nur noch denen Eintritt gewährt, die im Besitz eines sogenannten Kombitickets sind. Und das hat seinen Preis. Für 200 Kronen, umgerechnet etwa 8 Euro, kann man sich den Zutritt zu verschiedenen Museen der Burganlage erkaufen. Für jemanden, der genügend Zeit hat und sich eingehend mit der Geschichte des Hradschin befassen will, eine durchaus lohnenswerte Sache. Kein Eintritt ohne KombiticketDoch was ist mit den anderen, die nur einen ganz speziellen Eindruck gewinnen möchten oder deren Geldbörse weniger gut gefüllt ist? Sie haben kaum eine Möglichkeit, das Lebensgefühl in diesem pittoresken Milieu der winzigen bunt gestrichenen Häuschen zu erkunden.
Aber das hat sich ohnehin grundlegend geändert. Kafka fand hier noch Ruhe und Frieden - eine gegensätzliche Welt zu der auch schon damals quirligen Innenstadt Prags. Er konnte, verloren in Raum und Zeit, Abstand gewinnen von seinen alltäglichen Problemen. Heute verliert man sich dagegen schnell im dichten Gedränge der Touristen, die sich lautstark in französischer, englischer oder hebräischer Sprache artikulieren. Ein gutes Foto schießen wird zum schier unlösbaren Problem. Kameras, die hoch über den Köpfen der Besucher gehalten werden, gelingt es lediglich, das allgemeine Menschengewirr einzufangen.
Und manchmal noch ärmer.
Lange Schlangen stauen sich vor den viel zu niedrigen Eingangstüren der Häuschen, die jetzt, vollgestopft mit Andenken aller Art, nur darauf ausgerichtet sind, den Besuchern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Nichts, aber auch gar nichts, hat mehr etwas mit dem Zauber von einst gemein. Erst nach 18 Uhr, mit einsetzender Dämmerung, beruhigt sich das hektische Treiben. Dann, wenn die Läden geschlossen sind, verschwinden auch die unbestechlichen uniformierten Guards an der Pforte. Nun hat man endlich Gelegenheit, die einzigartige Atmosphäre zu genießen - wenn auch nicht ganz ungestört, hat sich doch diese alternative Möglichkeit einer Besichtigung längst herumgesprochen. K.F.C. und McDonald's als bezahlbare AlternativeAm unteren Ende des Goldmacher Gässchens eröffnet sich dem Betrachter ein unvergleichlich schöner Ausblick auf Prag. Rechter Hand am Fuße der Burg liegt verschlafen die Kleinseite, Mala Strana genannt. Fasziniert folgt das Auge dem Durchblick auf die einzigartige Gliebellandschaft dieses Stadtviertels. Enge, verwinkelte Gassen, verträumte Plätze und Gärten wechseln mit pompösen Adelspalästen und stolzen Bürgerhäusern, Kirchen, malerischen Laubengängen und Höfen. Unter König Ottokar 1257 als „Neustadt" oder auch „Kleinere Stadt" gegründet, von Karl VI. deutlich vergrößert, verwandelte sich dieser Siedlungsteil nach Regierungsantritt der Habsburger im 16. Jahrhundert in eine Wohnstätte des Adels. So prägt der Barock im Wesentlichen bis heute das Stadtbild.
Überall laden liebevoll eingerichtete kleine Kneipen, rustikale Weinstuben, aber auch Nobelrestaurants die Gäste zum gemütlichen Verweilen ein. Doch wer glaubt, sich hier günstig den Bauch vollschlagen zu können, der erwacht spätestens dann aus seinem Traum, wenn ihm die Rechnung präsentiert wird. Aber als Trost für weniger gut Betuchte: es gibt ja immer noch Fastfoodketten, wie Mc Donalds, Burger King oder K.F.C. Und das in nicht geringer Zahl, an fast jeder Ecke.
Um in die Prager Altstadt zu gelangen, nutzt man am besten die 520 Meter lange Karlsbrücke, welche das Ostufer mit dem Westufer der Moldau verbindet. 30 Figuren oder Figurengruppen aus böhmischem Sandstein thronen majestätisch auf deren Mauern - legendenumwitterte Schutzheilige, die das über 600 Jahre alte bedeutende gotische Bauwerk zu Beginn des 18. Jahrhunderts in eine einzigartige Freilichtgalerie barocker Plastik verwandelt haben. Ein paar Krümel vom TourismuskuchenEs ist kaum ein Vorankommen im dichten Gewimmel der Menschen, die sich um Maler, Musiker, Künstler und Händler scharen, welche ihre Dienste in bare Münze verwandeln wollen und somit versuchen, wenigstens ein paar Krümel vom großen, reichhaltigen Tourismuskuchen abzubekommen. So wie auch der Bettler, der, dazwischen hockend und zu Boden schauend, auf Barmherzigkeit hofft. Am Altstädter Brückenturm, wo im Jahre 1621 zur Abschreckung aller Rebellen zwölf Köpfe hingerichteter Edelmänner, die einen von Aufstand gegen die Habsburger angezettelt hatten, prangten, sucht nun ein Obdachloser mit seinem vierbeinigen Freund auf einer schmutzigen Decke Schutz vor dem kalten Nieselregen.
Aber oft ganz reich.
Weiter geht es zur Josefstadt. Dieses Stadtviertel hat als zweite Heimstätte der Juden die Geschichte Prags maßgeblich geprägt. Neben den Synagogen ist der Alte jüdische Friedhof ein besonderer Besuchermagnet. Doch auch hier macht man ähnliche Erfahrungen wie anderswo: nur mit einem Kombiticket kann man dieses einmalige Denkmal jüdischer Kultur besichtigen. Die Eintrittspreise schwanken zwischen 480 und 250 Kronen, also mindestens 10 Euro, die nicht alle Interessierten bereit, aber auch manche gar nicht in der Lage sind zu bezahlen. Ein zweites Kombiticket für den FriedhofEs ist gerade die multikulturelle Vielfalt, die Prag über Jahrhunderte hinweg zu seiner Einzigartigkeit verholfen hat. Millionen Menschen kommen deshalb jedes Jahr hierher. Fehlen ihnen die finanziellen Mittel, kommen sie nicht in den Genuss, Historie und Kultur so zu erleben, wie sie es wünschen.
Noch gilt Prag nach Paris als Europas attraktivstes Reiseziel. Aber ein Rückgang der Besucherzahlen 2007 beunruhigt derzeit alle, die am Geschäft mit dem Tourismus verdienen.
Man kann sich zwar heute nicht mehr der Meinung Werfels, Prag sei ein metaphysisches Irrenhaus, anschließen, aber dem interessierten Gast offenbart sich schnell die paradox anmutende Realität dieser Metropole; Prag macht sich schön für seine Besucher. Bald wird der Frühjahrsputz abgeschlossen sein. Im Mai beginnt die Hochsaison. Mit seinen aufwändig restaurierten Häusern aus der Gründerzeit oder dem Jugendstil, den wunderbaren barocken Palästen und alten Kirchen, den traditionellen Cafehäusern, seinen attraktiven Straßenrestaurant und einer Fülle ganz besonderer Kulturschätze soll Prag seiner Bezeichnung als „die Goldene" alle Ehre machen.
Doch hinter der glanzvollen Fassade bröckelt es gewaltig, denn da verbirgt sich die andere Seite: Bettler, überzogene Preise, teure Kombitickets für die Besichtigung kultureller Stätten, gerissene Händler, unverschämte Taxifahrer, Taschendiebe sowie eine auffallend unfreundliche Bedienung in vielen Lokalitäten. Abzocke in Prag - das ist gegenwärtig die traurige Realität. Leider!
Achtung: Bevor du kommentierst, erinnere dich bitte noch einmal an deine gute Erziehung. Hab keine Angst, wenn dein Beitrag sinnentleert ist. Das kommt vor. Aber sei kreativ!
Da der Microsoft Internet Explorer nicht den weltweiten Web-Standards entspricht, wird WOOLING.NET im Internet Explorer bis Version 6 noch fehlerhaft dargestellt. Alle Fehler konnten wir noch nicht beheben. Das betrifft vor allem Textausrichtung, Linien und Abstände. Um WOOLING.NET in voller Schönheit genießen zu können, legen wir euch ans Herz, den Internet Explorer zu aktualisieren oder am besten gleich kostenlos zu Mozilla Firefox oder Safari für Windows umzusteigen. Mehr zum Thema IE lesen »