Wir sind keine Hippies, keine Neuen Deutschen Wellenreiter und Raver sind wir auch nicht. Heißt das etwa, dass unsere Generation identitätslos ist? Nicht ganz.
S
ind wir tatsächlich die Generation der Orientierungslosen, Ideallosen, Kulturlosen, kurz die totale Loser-Generation, für welche die Bezeichnung „die 00er" wie die berühmt-berüchtigte Faust aufs Auge zu passen scheint? Wahrscheinlich nicht, wahrscheinlich sind wir sogar die tollste Generation überhaupt.
Im Gegensatz zu vorhergehenden Generationen sind wir eine totale Luxus-Generation, wir mussten nie gegen Fesseln kämpfen, die uns eine staatliche Diktatur anlegte. Wir müssen nicht ein Leben mit Hungersnöten und Angst führen, wie es bei der Nachkriegsgeneration der Fall war. Wir sind nicht gegen „konservative" Normen aufgestanden, wie es zum Beispiel die 68er taten.
Wir kennen das Gefühl nicht, wie es ist, wenn man nicht alles sagen darf, was man gern sagen würde, wie es zum Beispiel vielen unserer Eltern während der DDR- Zeit ging. Von Anfang an konnten wir immer sagen, was wir wollten, konnten tun und lassen, was wir wollten, also außer dem, was nicht durch die elterliche Zensur ging. Uns ist die Freiheit in den Schoß gelegt worden, für die unsere Eltern zum Teil kämpften, sie ist sozusagen ein Geschenk für uns, in unserer heilen Welt, in die wir hineingeboren wurden.
Erschreckend, was so eine Generation alles ausmacht.
Wir haben in unserer Generation nichts, was uns vorrangig prägt. Es gibt keine Musikrichtung oder andere kulturelle Strömung, der eine Mehrheit von uns angehört. Für unseren Jahrgang gibt es nichts wie Techno, mit dem die Neunziger in Erinnerung blieben oder die Friede-Freude-Eierkuchensongs, welche die 68er prägten oder allgemein die Sechziger, die von Leuten wie den Stones oder Bob Dylan ein Denkmal gesetzt bekamen. Wir haben das alles: Wir hören die Stones und Techno und natürlich auch John Lennon. Dies wird abschätzig als „das Fehlen von Idealen und Vorbildern" bezeichnet, oder als „Orientierungslosigkeit", aber das Gegenteil ist der Fall.
Damals lief die Love Parade noch unter Doktor Motte. War uns egal.
Gerade dieses Fehlen lässt unsere Vielfältigkeit entstehen, gerade das lässt zu, dass es soviele kulturelle Strömungen nebeneinander gibt wie nie zu vor. Gerade das lässt uns zu dem werden, was wir sind: eine sehr individualistische Multikulti-Generation. Wir haben zwar nichts richtig Eigenes. Aber das macht nichts, so lange wir uns aus vorangegangenen Generationen das klauen können, was uns gut gefällt. Dass jeder seinen eigenen Stil hat, jedem etwas anderes gefällt und jeder seine Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse voll auslebt - und vor allem ausleben darf - das war noch nie so stark ausgeprägt.
Zwar haben wir die Freiheit im Schoß liegen, aber auf uns lastet das Erbe, sie zu verteidigen. Dies wird für uns ein schwerer Schritt, bis jetzt sind wir nicht daran gewöhnt, für etwas zu kämpfen. Früher oder später jedoch werden wir uns mit diesem Gedanken befassen müssen, um unseren derzeitigen „Luxus" zu sichern. In diesem Sinne sind wir auch etwas wie eine Nachkriegsgeneration, wir werden die Trümmer wegräumen müssen, die uns andere in den Weg gelegt haben.
Omas Röcke.
Wir sind eine Generation, die zwar nicht gegen binnenländische Mauern wie die 68er oder unsere Elterngeneration kämpfen, die sich aber trotzdem behaupten, gegen viele Missstände außerhalb des eigenen Landes kämpfen muss. Wir werden es mit dem Erbe eines Präsidenten Bush zu tun bekommen, einem Erbe, welches so viel Gewalt und Zwietracht säte, dass wahrscheinlich noch unsere Kinder und Enkel mit der Beseitigung zu kämpfen haben werden. Auf uns drückt nicht nur die Last vorrangegangener Kriege, uns trifft zudem ein Wandel, den unsere vorhergehenden Generationen nicht kannten, bzw. nicht kennen wollten: der Klimawandel. Eben weil er von unseren „Vorgängern" ignoriert wurde, gibt es auch keine von ihnen vorgegebenen Lösungsmöglichkeiten, die wir anwenden könnten, um uns aus dem Schlamassel zu retten. Hier sind allein unser Einfallsreichtum und unsere intelligenten Köpfe gefragt.
Auch wenn uns das zurzeit vielleicht noch nicht ganz so bewusst ist. Wir müssen all diese Aufgaben, so schwer sie uns erscheinen mögen, positiv angehen und den Kopf nicht in den Sand stecken, obwohl wir vielleicht als „orientierungslos" bezeichnet werden. Vielleicht lernen dann unsere Kinder bzw. unsere Enkel in der Schule etwas von der optimistischen Multi-Kulti-Gesellschaft der 2000er und wie sie die Welt änderten und nachhaltig prägten.
Achtung: Bevor du kommentierst, erinnere dich bitte noch einmal an deine gute Erziehung. Hab keine Angst, wenn dein Beitrag sinnentleert ist. Das kommt vor. Aber sei kreativ!
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