by Andreas Graf | Woanders | Wednesday, 21 May 2008
Ein junges Reisebüro aus der Schweiz richtet sich an Jugendliche und Studenten, denen das Absitzen ihrer Urlaubstage im Touristencontainer einfach zu blöd ist.
B
ei einer Wanderung die wunderbare Bergwelt der Anden geniessen und am nächsten Tag mit dem bolivianischen Innenminister über die sozialistischen Reformen von Präsident Evo Morales diskutieren? Was auf der einen Seite abstrakt und auf der anderen genauso spannend klingt, macht die Initiative für Interkulturelles Lernen (IFIL) möglich, die Reisen in Ländern rund um den Globus anbietet.
Die Touren von IFIL gehen weit über die klassischen touristischen Erfahrungen wie das Abklappern allerlei Must-Sees und die Beschwerde über zu warmes oder zu kaltes Wetter hinaus. Sie sollen vielmehr einen ganzheitlichen Einblick in die Kultur, das politische System und die Wirtschaft des Landes ermöglichen. In Bolivien klettern die Reiseteilnehmer so in Potosi mit Minenarbeitern in einen Zink-Stollen, oder besuchen eine Fair-Trade Kaffee-Plantage im Amazonas-Gebiet.
Aber das ist noch nicht alles: Es werden auch Projekte unter Einbezug der lokalen Bevölkerung durchgeführt. So bietet sich die Gelegenheit, an der in Zusammenarbeit mit der lokalen Jugendorganisation Juventudes del MAS organisierten, zweitägigen Konferenz in La Paz bleibende Kontakte mit bolivianischen Jugendlichen zu knüpfen. "Diese hautnahen Begegnungen blieben besonders in Erinnerung und fördere die Persönlichkeitsentwicklung der Teilnehmer", sagt Andreas Graf, einer der Initianten von IFIL. Durch diese eindrücklichen Erlebnisse mit Land und Leuten soll das interkulturelle Lernen gefördert werden. Eine fremde Lebenswelt kennen zu lernen, sei ein wichtiger Schritt zum Verständnis globaler Probleme und deren Lösungen. „Man lernt ein neues Land kennen, wie man es sonst nie könnte"Über 120 Jugendliche haben im vergangenen Jahr an den Projekten der IFIL teilgenommen und in insgesamt 140 Treffen die politische, wirtschaftliche und soziale Realität der Gastländer kennen gelernt. Neben Bolivien stehen in diesem Jahr auch Ziele wie Uganda, Israel-Palästina, oder New York und Washington DC auf dem Programm.
Gruppen mit je zwanzig Personen dürfen im Sommer und Herbst aus erster Hand erfahren, was sich bei den Verhandlungen zwischen der ugandischen Regierung und den Rebellengruppen zugetragen hat, oder können sich in New York beim Besuch eines UN-Departements über die Lage im Nahen Osten austauschen. Auf der Reise nach Israel-Palästina werden die Teilnehmer die Standpunkte beider Seiten mit einbezogenen Persönlichkeiten diskutieren, wohnen bei palästinensischen Familien im Westjordanland und erfahren die Geschichten von Opfern des Konflikts.
Mitreisen darf jede und jeder. Die IFIL spricht zwar in erster Linie Studierende oder junge Berufstätige an, ist jedoch offen für alle interessierten Reisegefährten. Wichtig ist den Initianten nur, begeisterte und gereifte Menschen zurücklassen zu dürfen. „Ich glaube nicht, dass ich in so kurzer Zeit nochmals so viel erlebe", berichtet einer der letztjährigen Teilnehmer. „Man lernt ein neues Land, eine neue Kultur auf eine Weise kennen, wie man es sonst nie könnte."
Fotos: Jeronimo Calderón
Das ungewöhnliche Reisebüro IFIL wird von fünf Studenten der Internationalen Beziehungen, Politische Wissenschaften und Betriebswirtschaft der Universitäten Genf, Bern und St.Gallen geleitet. Für die Organisation der verschiedenen Projekte ist ein Netzwerk von Studenten zuständig. IFIL ist politisch unabhängig und strebt keinen finanziellen Gewinn an.
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