Bertuch ist jung. Bertuch ist anders. Und Bertuch hat sich hohe Ziele gesetzt. Man könnte fast meinen, es sei ein Randgruppenteenager.
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ber Bertuch ist ein Verlag mit Sitz in Weimar, der Stadt mit kulturhistorischer Tradition. Man verbindet sie sofort mit Namen wie Goethe und Schiller. Doch die Klassiker liegen nicht im Trend. Wenigstens nicht beim jungen Leser. Die meisten verbinden damit verstaubte Stoffe, nicht zeitgemäße Probleme, Handlung ohne wirkliche Spannung und eine schwer verständliche altertümliche Sprache. Vor allem jedoch gelten diese Dichter und ihre Werke als sogenannte Pflichtlektüre, mit der man in der Schule konfrontiert wird. Schon allein diese Tatsache nimmt den meisten die Freude am Lesen.
Franz, endlich versteht dich jemand.
Das "Du musst lesen" im Hinterkopf verdirbt den Spaß. Wer muss, der will nicht - für die meisten ist das Prinzip und Lebenseinstellung zugleich. Hinzu kommt oftmals die Art und Weise, wie junge Leute an die Klassiker herangeführt werden: zu steif, zu wissenschaftlich. Außerdem demotiviert der Wink mit dem Zaunpfahl in Bezug auf die „richtige“ Interpretation. Doch gibt es diese überhaupt? Was wissen wir denn darüber, was uns der Autor sagen wollte, warum er gerade diese Wortwahl oder jene stilistischen Mittel gewählt hat? Die Deutung soll stimmig sein, am besten übereinstimmend mit der des Lehrers bzw. seiner Vorgabe. Ist es da verwunderlich, dass vielen Jugendlichen die Lust vergangen ist, sich mit älteren Werken der Literatur näher zu befassen, geschweige denn, freiwillig solch ein Buch zur Hand zu nehmen? Natürlich nicht.
Beim Bertuchverlag scheint man um dieses Problem zu wissen und hat sich seiner angenommen. In der Reihe „Kennst du ...?“ werden ganz neue Perspektiven der Erschließung besagter Stoffe eröffnet. Lesen ist auch Verstehen. Beides soll Spaß machen und einen weiterbringen. Es ist die Herangehensweise, die ausschlaggebend dafür ist. Bei Bertuch vergleicht man die Begegnung mit Kafka und seiner Literatur mit dem Lösen von Kreuzworträtseln. Somit wird das Interesse an seiner, zugegebenermaßen nicht gerade einfachen Art zu schreiben geweckt. Man begegnet seinen nach dem ersten Eindruck eigentümlich erscheinenden Parabeln und Kurzgeschichten plötzlich nicht mehr mit Unverständnis und Ablehnung, sondern mit Leichtigkeit, geradezu spielerisch. Ebenso, als ginge es darum, das Rätsel zu knacken. Unkompliziert, locker und sogar humorvoll wird man mit wesentlichen Dingen, die man über Kafka wissen sollte, wenn man seine Texte begreifen will, vertraut gemacht. Und plötzlich erscheint er ganz einfach, auch wenn der Schleier einer gewissen Rätselhaftigkeit bleibt.
Bild: Bertuch Verlag
Doch ist letzteres nicht gerade das, was die Lust am Lesen ausmacht? Jeder sollte sich kraft seiner Phantasie ein eigenes Bild von dem zu schaffen, um das es geht und sich das mitnehmen, was für ihn persönlich wichtig ist. Hier wird kein strenges Interpretationsmodell vor, auch keine richtungsweisende Deutung als Dogma. Man regt an, das Werk aus verschiedenen Blickwinkeln unter selbst ausgewählten Aspekten zu betrachten und so zu entschlüsseln. Wahrscheinlich ist es genau das, was Kafka gewollt hat, wenn er sagte: „Dichtung ist immer nur eine Expedition nach der Wahrheit.“ Aber Bertuch erleichtert auch den Zugang zu Werken anderer Autoren, beispielsweise, Heinrich von Kleist, E.T.A. Hoffmann oder Heinrich Heine.
Natürlich bleibt der übliche Wehrmutstropfen wie eh und je: Wann werden Verlage endlich einmal merken, dass zwölf Euro für Schüler viel Geld sind?
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