by Herr Zinner | Woanders | Saturday, 28 June 2008
XXY erzählt von einer Fünfzehnjährigen, die beides ist: Mädchen und Junge. Ein Film über eine Laune der Natur. Und über mehr als das.
I
m Englischen gibt es dafür eine Wortschöpfung: "Shemale" ist jemand, der irgendwie beides ist - Junge und Mädchen, Mann und Frau. Und weil es bei Menschen nicht so oft vorkommt, kennen wir - zumindest im Deutschen - nur den animalischen Zwitter. Eine Laune der Natur, wer nimmt die schon ernst?
"Die Natur macht uns zu Mann und Frau ..."
Alex nimmt sie ernst. Das heißt, besser gesagt: Für sie ist sie ernst. Sie ist 15 Jahre alt und entwickelt sich gerade zur Frau. Das würde sie wohl nicht ohne die Unmengen an Medikamenten, die ihr verabreicht werden. Mit ihren Eltern lebt sie in einem kleinen Haus am Meer in Uruguay, Südamerika. Eigentlich kommt sie aus Buenos Aires. In der kleinen, neuen Heimat wollen die drei Ruhe finden, vor dem Druck der Gesellschaft. Aber so kurz vor dem Ende der Welt, erscheint auch das als Müßiggang. Mannsein oder Frausein? Erst neulich wurde sie von ihrem besten Freund verraten, dem, dem sie ihr kleines Geheimnis anvertraute. Ein wenig scheint es, als bekäme nach und nach das gesamte Umfeld Wind von der Sache und Alex steht vor einem schier unlösbaren Konflikt mit sich selbst: Will sie Mann oder Frau sein? Kann sie jemals geliebt werden? Und wenn, wird sie diese Liebe als Liebe zu Ihrer Person verstehen können?
"... oder zu beidem."
Die Tatsache, dass sie gerade erst damit beginnt, sich zu dem zu entwickeln, für das sie sich entscheiden muss, macht ihre Situation nicht einfacher. Dagegen erscheint ihr Wunsch nach Liebe und vor allem nach Sex schon fast nichtig.
„XXY" erzählt die Geschichte von zwei nachdenklichen Jugendlichen, die nicht genau wissen, ob sie lieber an guten Sex oder richtige Liebe glauben sollen. Oder an was sie überhaupt glauben dürfen. „XXY" legt ein Thema nahe, das von uns noch weiter als sein Schauplatz entfernt sein dürfte - und das in Stille, Ernst und mit einer von Grund auf konsequent gestalteten Ehrlichkeit. Hier sprechen vor allem Bilder die Sprache eines jungen Mädchens, das von der argentinischen Regisseurin Lucia Puenzo trotz ihrer Teenagerlaunen und manchmal sogar verstört wirkenden Reaktionen, beim Zuschauer gnadenlose Sympathie erlangt. Und so scheint am Ende nicht einmal die Namenswahl der Protagonistin als zufällig.
Unbekannte Darsteller, melancholische Bilder vom Südosten Südamerikas und kunstvolle Dialoge machen diesen Film zu einem Meisterwerk, der uns in eine völlig neue Welt eintauchen lässt. Eine Welt, die noch keiner so richtig gesehen hat. Oder sehen wollte.
XXY wurde 2007 mit dem Großer Preis der Semaine de la Critique in Cannes ausgezeichnet und ist seit Donnerstag (26. Juni) in wenigen, aber sorgfältig ausgewählten Kinos zu sehen.
Frei ab zwölf Jahren, 91 Minuten. Argentinien/Frankreich/Spanien 2007.
Unter anderem zu sehen in: Berlin (u.a. Hackesche Höfe, Kulturbrauerei), Dresden (Schauburg), Hamburg (Abaton), Köln (Cinenova, Filmpalette), Leipzig (Passage), München (u.a. Atelier)
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