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Café-Kultur und Kleinstaatkneiperei E-mail
by Herr Zinner | Hier | Friday, 28 March 2008   


In Sachsens Minikneipen darf wieder geraucht werden. Und in den größeren wohl auch. Der Donnerstagabend hätte schön werden können.

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E
s gibt da seit zwei Tagen eine Sache, die mir sehr auf dem Herzen brennt. Man könnte auch sagen, sie brennt mir in der Lunge, das wäre durchaus machbar, aber sie brennt mir auch auf dem Herzen. Vielleicht eine kleine Vorgeschichte, weil es sich dann leichter liest:

Es trug sich also zu, dass ein guter Freund und ich am Donnerstagabend mal Zeit gefunden hatten, es uns in einer der gut gemeinten Billiard-Bars bei gepflegtem Smalltalk gemütlich zu machen.

„Und, hast du über die Woche viel gearbeitet?"
„Na ja, sind ja Ferien."
„Deshalb braucht man jetzt nicht so viel zu machen?"
„Wenn Ferien sind, ist gut. Man muss halt nur entscheiden, ob man was macht."
„Ach so, na ja, ich mach schon gern was."
„Und sonst so?"
„Soll ja am Wochenende wärmer werden."
„Eine entsetzliche Musik hier - FURCHTBAR!"
„Die Kellnerin ist heute irgendwie komisch drauf."
„So, findest du?"
„Meinst du nicht?"
„Die ist überarbeitet."
„Ach so. Noch ein Kaffee?"

Das Gespräch war ein sichtlich zähfließender Wortverkehr, fast einer Deutschlandfunk-Verkehrsmeldung würdig, dennoch ganz in Ordnung, der Sitz auch recht weich, sogar mit Lederüberzug, nur der Espresso ein wenig übersäuert. Aber es gab ja auch schon mal besseren hier. Aus dem Radio kam irgendwas, für das wir in Mitteldeutschland Gebühren zahlen.

„Das ist dein öffentlich rechtliches Radio am Abend, gleich mit dreißig neuen Hits am Stück, Gwen Stefani und ihr neuer Superhit, danach Justin Timberlake, mein Gott, wie süß der doch ist, gaggerlechz und wer noch nicht weiß, wo er seine super-groovy Nacht heute rumkriegen wird: Unsere Party-Dates dann in einer halben Stunde."

Und schließlich kamen auch die Nachrichten. Rums! Auf einmal wurde es laut im Lokal, der Barkeeper wollte die akustische Reichweite seines Beschallungssystems wohl auch auf die Klobesucher ausweiten.

„Gerd, macht der jetzt Disko hier?"
„Du pisst daneben."

Und aus den Boxen dröhnten die am Nachmittag aufgezeichneten Spätnachrichten und damit auch die erste Meldung, ich will es mal versuchen, sie zu zitieren, habe mir auch die Zeitung zur Hilfe genommen, um nichts Wichtiges zu vergessen:

„In Sachsens Eck-Kneipen darf vorerst wieder geraucht werden. Der sächsische Verfassungsgerichtshof bestätigte eine Lockerung des Rauchverbots, das Ein-Raum-Gasstätten, in denen außer dem Eigentümer keine Angestellten arbeiten und das Einrichten von Raucherräumen nicht möglich ist, vom Rauchverbot in öffentlichen Einrichtungen ausnimmt." Das war zwar jetzt keine Hörfunkmeldung, aber so stimmt es schon ungefähr.



Nun gut, ich müsste mich also an dieser Stelle entscheiden, über was ich mich als erstes aufrege. Vielleicht die Tatsache, dass es jedes Land der Welt, na gut, dass es viele Länder der Welt wieder einmal schaffen, eine für Deutschland unlösbare Aufgabe zu bewältigen? Man könnte glatt das Gefühl bekommen, wir leben noch immer in einem Flickenteppichland, in dem wirklich wichtige Sachen schön auf die Landesebene geschossen werden, weil dem Staat die Sache zu heiß wird.

Heiß wie die Glut einer Kippe, die man nun auch in hiesigen Lokalen wieder finden kann. Auch, wenn es dort einen Raucherraum gibt. Und auch, wenn es dort nicht nur eine einzige Servicekraft gibt. Zumindest schien es mir so, an jenem Donnerstagabend. Denn über die Bedingungen macht sich der be-laut-schallungsaffine Dorfkneiper wenig Gedanken, merkt ja keiner. Nicht mal das Amt für Gesundheitsschutz. Es ist nämliche gerade Freitagnachmittag, da ist dort keiner mehr. Logischerweise erreiche ich auch niemanden mehr telefonisch und kann mir auch nicht erklären lassen, warum gerade er eine Extrawurst bekommt. Und ob die das überhaupt wissen.



„Zinner, was geht'n dich das an? Musst ja dort nicht hingehen!"

Stimmt. Aber wohin dann? Wo sind die schönen Kaffeehäuser mit liebevoll abgetrenntem Nichtraucher-Séparée (haha, na, wer hat den Witz bemerkt?), die ich anstelle der übel riechenden Stammtischlokale aufzusuchen habe? Wo bekomme ich denn nun einen Espresso, der nicht scheiße schmeckt? Oder vielleicht auch zwei?

Nicht in Sachsen und nicht zu oft in Deutschland. Schon klar, gehört nach Wien oder in die Toskana, nach Südtirol und vielleicht in die Steiermark. Vergessen wir den Gardasee nicht. Aber zu erwarten, dass sich hier ein jeder mit Holzstühlen, Kunstblumen und Flaschenbier zufrieden gibt, ist wohl ähnlich pervers, wie der Gedanke, man könne in Sachsen samt Oberlausitz eine Kaffeehauskultur begründen.

„Rabäääääh ... uns laufen die Kunden fort! Und seit dem Rauchverbot habe ich siebzig Prozent Verlust. Rabääääääh, ihr bösen Politiker! Euch wähl ich nimmer!"

Wenn die Dorfjugend in die Metropolen kommt, ist ein primärer Gang zu Starbucks schon reine Routine.

„Du warst dort noch nicht? Das schmeckt ja so geil und ist irre gemütlich!"

Man darf eine Sehnsucht vermuten? Man darf neue, potenzielle Kneipenbesucher vermuten, die ein Lokal würdig Ihresgleichen in hiesigen Berg- und Tallandschaften traurig vermissen? Zumindest einen lauschigen „society hotspot"? (Dem Kollegen aus der englischen Redaktion stehen nun wahrscheinlich seine ohnehin oftmals kurzen Haare zu Berge.)

Sie (nicht die Haare, sondern die Jugendlichen!) wären womöglich ein gelungener Ersatz für die Generation, die meint, sie könne Eibauer Schwarzbier nur mit Nikotin genießen und die auch sonst nicht sonderlich viel zu einem glücklichen Miteinander beizutragen hat. Und die sich zu fein ist, einen Schritt in die Kälte zu wagen, um ihre elendige Suchtgeilheit zu befriedigen.

In Irland, dem Mutterland aller Kneipen, ist das Rauchen in Pubs schon seit Längerem verboten. Guinness hat bis heute nicht an Beliebtheit verloren.

Foto: Photocase - Stig Inge

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  Comments (1)
Written by marie, on 30.03.2008 14:18
lol ... ich find's auch echt scheiße. ist mal wieder typisch, dass es nicht einfach mal bei einer (guten) entscheidung bleiben kann. 
 
ps. die jammerlappen, die zum rauchen nicht vor die tür gehen können hätten sich ja auch erst gar nicht abhängig machen brauchen. selber schuld.
 
 
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